Fokusthema – Raus aus der Komfortzone

komfortzone 360gramm

»Stadtluft macht frei« hieß es im Mittelalter. Rein in die Stadt, das bedeutete damals auch: raus aus politischen, rechtlichen und ökonomischen Abhängigkeiten. In feudale Strukturen eingebundene Landbewohner mit einem Minimum an Abenteuerlust flohen in die Städte,wo sie dem Zugriff ihrer Grundherren erst einmal entzogen waren und von ihnen »nach Jahr und Tag« auch nicht mehr zurückgefordert werden konnten. Wer es in die Stadt schaffte, hatte sich aus den Zwängen der Sippe und der feudalen Herrschaft befreit und verschwor sich mit Gleichgesinnten in einem ganz neuen Sozialgefüge, der Bürgerschaft.

In gewissem Sinne macht Stadtluft auch heute noch frei. Allen ökonomischen Konventionen und allen Vereinnah-mungsversuchen von dieser oder jener Seite zum Trotz bieten die (Groß-)städte unserer Zeit weitgehend plurale, heterogene und offene Strukturen, die so »auf dem Lande« nicht zu finden sind. Damit sind europäische Stadträume wichtige Laborato-rien der sozialen und kulturellen Entwicklung unserer Zeit. In Bezug auf die Zukunft von Wirtschaft und Arbeit, in Bezug auf Wohnformen und Lebensstile, in Bezug auf soziale Zugehörig-keiten und nichtmonetäre Formen von Anerkennung.
Das Experimentieren in diesen Laboratorien erfordert vom heutigen Städter das, was schon die flüchtigen Landleute des Mittelalters mitbringen mussten: ein wenig Abenteuer-lust. Wer neue Mobilitätskonzepte oder Schulformen auspro-bieren, wer die Nutzung des öffentlichen Raums neu definie-ren, wer Gentrifizierung und ökonomischer Verwertungslogik etwas entgegensetzen will, muss raus aus der Komfortzone, raus aus scheinbar sakrosankten Konventionen. Das kann mal eher spielerisch geschehen, mal bringt es jede Menge Arbeit mit sich oder erfordert einen langen Atem. Auf den folgenden Seiten beleuchten vier unserer Autoren kleinere und größere Ausbrüche aus Gewohntem und Altbekanntem auf ganz unter-schiedliche Weise.

Autoren: Martin Linke, Anita Knappe, Susanne Magister, Jenz Steiner

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