Fokusthema – Schule fürs Leben

Schule fürs Leben

Autor: Stefan Bast

Zu wenige Lehrer in der Schule, zu viele Schüler in den Klassen. Extremer Leitungsdruck, Mobbing und die permanente Angst zu versagen. Das Image unserer Schulen könnte besser sein. Aber gibt es Lichtblicke, auch in Dresden. Beobachtungen aus dem Universum alternativer Bildungsideen.

Spätestens mit Beginn des letzten Kindergartenjahres stellt sich allen Eltern die Frage: Auf welche Schule soll mein Kind gehen? Die Meisten entscheiden sich ganz pragmatisch und wie es vorgesehen ist für eine öffentliche Grundschule in ihrem Kiez. Dabei gäbe es Alternativen. Neben den insgesamt 140 Schulen, bei denen die Kommune beziehungsweise der Freistaat Träger ist, existieren in der Landeshauptstadt 57 Schulen in freier Trägerschaft. Hier lernt immerhin ein Viertel der Dresdner Schüler. Und die freien Schulen werden immer beliebter. Das zeigt die Zahl der Bewerbungen, welche die vorhandenen Plätze deutlich übersteigt. Einrichtungen wie die Montessori- oder die Waldorfschulen platzen aus allen Nähten. Neugründungen sind die Folge. Die jüngste Initiative Waldorfschule Dresden-Coschütz e. V. möchte im Dresdner Süden zum September 2018 mit einer ersten Klasse starten.

Auch auf politischer Ebene lassen sich freie Schulen schon lange nicht mehr ignorieren. »Vom ersten Tag meiner Amtszeit an war mir außerordentlich wichtig zu sagen, dass die freien Schulen und die öffentlichen Schulen viel voneinander lernen können, sich über die Schulter schauen und auch von Schulentwicklungsprozessen der anderen Schule profitieren können«, so die sächsische Kultusministerin Brunhild Kurth. Finanziell sieht es für »die Freien« besser aus denn je: »Im Haushaltsjahr 2010 haben wir im Freistaat Sachsen 200 Millionen Euro für die freien Schulen ausgegeben. Im Jahr 2018 werden das 350 Millionen Euro sein.« Das ist noch keine hundertprozentige Gleichstellung mit staatlichen Schulen, aber die Richtung scheint zu stimmen. Dresdens oberster Schulverantwortlicher, der Beigeordnete für Bildung und Jugend Hartmut Vorjohann, erklärt: »Schulen in freier Trägerschaft stellen eine wichtige Bereicherung der Schullandschaft dar.« Alternative Lernideen erobern seit Jahren auch kommunale Schulen. So haben die Grundschulen den Frontalunterricht deutlich reduziert und zensieren nicht schon ab dem ersten Schultag. Laut Vorjohann lernten die Schüler an der 59. Grundschule »Jürgen Reichen« und an der 63. Grundschule nach dem »Schweizer Modell« (Lesen durch Schreiben). Und das Projekt »Produktives Lernen« an der 121. Oberschule gehöre auch zu den alternativen Ansätzen. So ein bisschen anders sein können die Schulen schon, aber »alternative Schulkonzepte dürfen nicht zum Selbstzweck werden. Schule dient nach wie vor in erster Linie der Kompetenz- und Wissensvermittlung in einer immer komplexeren und vielschichtigeren Lebenswelt«, so Hartmut Vorjohann.

Solidarität und Empathie statt »Wikipedia-Wissen«

Idealerweise sollte Schule ein Ort sein, an dem junge Menschen nicht nur auf ihr späteres Berufsleben vorbereitet werden, sondern auch kritisches Denken und verantwortungsvolles Handeln lernen. Was aber passiert oft an vielen staatlichen Schulen? Die Kinder werden mit Faktenwissen bombardiert und auf ein lebenslanges Konkurrenzdenken vorbereitet. Das beginnt spätestens mit Ende der Grundschule und der Entscheidung für den weiteren Schulweg. Solidarität, Empathie und moralische Werte sind nur Randerscheinungen in einem von »Wikipedia-Wissen« dominierten Lehrplan. Er wird primär von ökonomischen Kriterien bestimmt – spätestens seit dem Jahr 2000, als die PISA-Studien die Schlagzeilen prägten. Die werden als das Nonplusultra bei der Einschätzung unseres Schulsystems gefeiert. Dabei vergleichen die Tests allein Kompetenzen und messbares Wissen in drei Bereichen: Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Erdacht wurde PISA von der OECD, einer Wirtschaftsorganisation, deren Ziel es ist, das Wirtschaftswachstum zu fördern. Und so ist der Leistungsdruck in den meisten Schulen zur Normalität geworden – wie in unserer restlichen Gesellschaft auch. Für viele Schüler potenziert sich der Druck durch die Erwartungshaltung der Eltern. Wird diese nicht erfüllt, reagieren Mutter und Vater mit Sanktionen oder indem sie in Nachhilfestunden für ihre Sprösslinge investieren. Fakt ist: Es gibt Bildungsalternativen zum »Immer schneller, immer besser«, das zeigen die Beispiele auf den folgenden Seiten. Da ist zum Einen die Freie Alternativschule, in der druck- und angstfrei gelernt wird – und zwar nicht nur fachlich, sondern auch emotional und sozial. Und da sind zum Andren drei junge Dresdnerinnen, die sich auf eigene Faust auf ihr Abitur vorbereitet haben.

Bei aller Freude über die Möglichkeiten jenseits der staatlichen Schulen bleibt ein Wermutstropfen: Der Besuch einer freien Schule kostet. Zwar soll das Sächsische Gesetz über Schulen in freier Trägerschaft eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der Eltern verhindern. De facto passiert sie aber. .Da die staatlichen Zuschüsse die Kosten nicht decken, kann keine freie Schule ohne Schulgeld überleben. . Ohne diese Finanzquelle müssten beispielsweise die Gehälter der Lehrer, die schon jetzt meist weniger in ihren Portemonnaies haben als ihre Kollegen an staatlichen Schulen, gesenkt werden. Dabei ist das Schulgeld oft gar nicht exorbitant hoch, so wie an der Freien Alternativschule, an der im Schnitt 85 Euro pro Monat zu zahlen sind. Für Kinder aus weniger begüterten Verhältnissen ist selbst das zu viel. Sie haben keine Chance, solche Schulen zu besuchen. Echte Bildungsgerechtigkeit wird erst entstehen, wenn freie und öffentliche Schulen finanziell vollkommen gleichgestellt sind.

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