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360GRAMM-Fluechtlinge

Ziemlich beste Freunde

Text: Charlotte Gneuß | Fotos: Nils Eisfeld

»Ich nenne Ismail manchmal Mutti«, sagt Jessica* und lacht. Ismail* grinst und zerknautscht einen blauen Gummiball, zwei Jungs aus Afghanistan decken den Tisch und machen Sambosa für neun Leute. Jessica schneidet die Zwiebeln.

Es ist Abendessenszeit im Haus Kolombo. Hier wohnen 28 Jugendliche in der interkulturellen Wohngruppe zusammen. Die einen mussten ihre Eltern zurücklassen, als sie sich auf den mühseligen Weg nach Europa machten, die anderen können wegen Kindeswohlgefährdung, sexuellem Missbrauch, Drogen oder innerfamiliären Streitigkeiten nicht mehr bei ihren Eltern leben.

Vor gut einem Jahr war das Haus noch ein Hotel, die Rezeption im Erdgeschoss, die Nummerierungen der einzelnen Zimmer sind bis heute vorhanden. Die Diakonie übernahm das Gebäude und wurde im Netz erst mal von »der Niedersedlitzer Wellenlänge« attackiert, einer anonymen Gruppe patriotischer Bürger, die sich »zum Erhalt des idyllischen, geschichtsträchtigen Niedersedlitz« zusammengetan haben. Auf Facebook verbreiteten sie Nachrichten, dass »kriminelle unbegleitete Ausländer« nun die ruhige Gegend zerstören würden. Es wurden Fotos von unbegleiteten minderjährigen Gefüchteten gepostet und Eltern empörten sich, dass sie ihre Kinder im Sommer draußen nicht mehr spielen lassen könnten. Anwohnerin Dina schrieb: »Es bricht mir fast das Herz. Wenn ich mir überlege, wie idyllisch es da war. Was ist mit der Lebensqualität der Anwohner? Durch welche Fachkräfte werden diese Jugendlichen betreut? Haben die einen geregelten Tagesablauf, Deutschkurse? Haben diese Jugendlichen überhaupt irgendwelche Regeln, an die sie sich halten müssen?«

Sandro Junge, der Leiter der Einrichtung, wollte solche Fragen gern beantworten. Er organisierte eine Willkommensrunde für die Nachbarn, aber es kamen nur wenige. Es wurden ein paar Fragen gestellt, aber Junge schien es eher, als ob man …

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