Nahaufnahme – Draußen vor der Tür

Wer auf der Straße lebt, lernt vor allem das Schnorren und das Frieren. Mit der Straßenschule bietet die Treberhilfe Jugendlichen und jungen Erwachsenen in schwierigen Verhältnissen einen anderen Bildungsansatz. Dafür ist das Basisangebot des Vereins in der Neustadt erst mal gestorben. Denn der Stadtteil steht nicht auf dem »Prekarisierungsindex«.

Wir kennen das Viertel, den Eisladen am Park und die Buchhandlung mit der roten Katze im Schaufenster, das für Radfahrer erbarmungslose Kopfsteinpflaster auf der Louisenstraße und den viel zu modernen Platz an der Scheune. Wir kennen das neu eröffnete Yuppie-Café gegenüber von der Bio-Sphäre auf dem Bischofsweg und den räudigen Bahnhof-Neustadt-Lidl, der uns sonntags das Leben retten kann. Wir kennen die Sparkassenfiliale auf der Königsbrücker und die DVB-Zentrale am Postplatz, das japanische Palais und das Postkartenmotiv der Altstadt vom letzten Familienausflug in real, wir wissen, dass es beim Späti am Eck Kolle-Mate gibt und dass wir uns dort nicht weiter um unsere Pfandflaschen kümmern müssen. Wir kennen die Straßenzüge der Stadt vom Neumarkt bis zur Neustadt, vom Hecht bis zur Holzhofgasse als Aufenthaltsorte und Durchgangspassagen, als Treffpunkt, Haltestelle, Spaziergang, Arbeitsweg und Ausflugsziel. Wenn uns dort draußen alles zu viel wird, ziehen wir uns zurück in unsere Zimmer und Wohnungen, in unsere Villen und Doppelhaushälften. Aber wir wissen nicht, wohin die Menschen gehen, die unsere Pfandflaschen sammeln, wo sie schlafen, duschen und Liebe machen und wir wissen auch nicht, wie viele es genau sind, die da draußen leben, draußen vor der Tür.

Denn es gibt viele offizielle Statistiken in Deutschland, aber eine offizielle Wohnungslosenstatistik gibt es nicht. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe geht davon aus, dass etwa 27.000 Menschen in Deutschland wohnungslos sind. Und die Zahlen steigen an, 2018 werden
etwa 40.000 Menschen in Deutschland auf der Straße leben. Das sind ähnlich viele Menschen wie zur Zeit der Industrialisierung. Schuld daran sind die steigenden Mietpreise in den Ballungsgebieten, erklärt Dieter Wolfer von der Treberhilfe Dresden, und seufzt. Seit über 20 Jahren
arbeitet der Sozialarbeiter mit der Nickelbrille und dem gutmütigen Lächeln bei der Treberhilfe und begleitet Jugendliche und junge Erwachsene ohne festen Wohnsitz durch ihren Alltag. Jetzt sitzt er ziemlich allein im Kontaktladen des Vereins in der Albertstraße, an der Scheibe klebt ein A4-Blatt, auf dem fettgedruckt steht: »Wir sagen Tschüss. Nach 20 Jahren Förderung wird der Kontaktladen, der Sozialbus im Alaunpark und Streetwork nicht mehr vom Jugendamt finanziert. Daher sind wir gezwungen, alle Angebote ab dem 1. Juli fallenzulassen.« Grund dafür sind Statistiken. Für jedes Quartier misst die Stadtverwaltung eine bestimmte Anzahl von Eltern, Teenies, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, daraus ergibt sich dann ein Schlüssel von Sozialarbeitern, die für das Quartier notwendig erscheinen. Bei Stadtteilen mit  Prekarisierungsindex«, also mit einer erhöhten Anzahl von Hartz-IV-Familien, erhöhter Kriminalitäts- und Schulschwänzerrate, scheinen dem Gesetzgeber mehr Sozialarbeiter notwendig. Die Neustadt gehört nicht dazu.

Deshalb hat man bei der letzten Jugendhilfeplanung festgestellt, dass in der Neustadt zu viele Sozialarbeiter eingestellt sind und die Stellen wurden gestrichen. Die müssen jetzt nach Löbtau übersiedeln. Dabei hat gerade die Neustadt besondere Sogwirkung für junge Erwachsene ohne festen Wohnsitz, denn an den Wochenenden tobt vor allem hier das Leben. Das zieht junge Menschen aus ganz Dresden an, auch wohnungslose. Im Jugendhilfeplan erfahren sie keine Beachtung, weil sie in keiner Statistik auftauchen.

Es sind Menschen wie Mike*. Eine Mischung aus Stolz und Trotz spricht aus dem 24-Jährigen, als er mir erzählt, dass er kein Geld vom Staat nimmt. Menschen wie er duschen trotzdem gern mal bei der Treberhilfe, aber sie sind nicht gemeldet, und wer nicht gemeldet ist, wird auch nicht gezählt.

Die Zeiten für den Kontaktladen sind deshalb vorbei. Dieter Wolfer erzählt, wie alles angefangen hat, als damals durch Bücher wie »Wir Kinder vom Bahnhof Zoo« plötzlich in Westberlin junge heroinabhängige Menschen ohne festen Wohnsitz mediale Aufmerksamkeit erfuhren. »Die gab es natürlich auch in den Sechzigern, aber die wurden erst später in die Medien gebracht«, sagt Wolfer. Auch im Osten gab es damals Schlagzeilen über »Problemjugendliche« mit Drogen und Gesinnungsproblemen: Hoyerswerda und Rostock Lichtenhagen. Der mediale Aufschrei um rechte Jugendszenen zog politische Handlungsschritte nach sich; Sozialarbeiter wurden allerorts eingesetzt. Und dann gab es noch Dresden – Hochburg der sächsischen Punkszene. »Der eine hat sich einen Iro angeschafft, der andere einen Hund, dann gab es Partys und Probleme mit ungeklärten Eigentumsverhältnissen«, erklärt Wolfer und erinnert sich, dass es Ende der Neunziger noch vier besetzte Häuser in der Neustadt gab. Auch hier wurden Streetworker eingesetzt und so gründete sich die Treberhilfe Dresden. Die besetzten Häuser
sind weggentrifiziert worden, wie böse Zungen behaupten würden. Die Obdachlosigkeit ist geblieben.

Der Verein baute damals den berühmten Jumbo-Bus in einen »Jugendtreff« um, 18 Meter lang, doppelstöckig, mit Küche und Sitzecken, ideal für die »aufsuchende Sozialarbeit«, wie es im Fachjargon heißt. Seitdem hatte der Bus feste Routen, hielt etwa im Alaunpark, dann gab es Kaffee und eine warme Mahlzeit, ein Gespräch, einen guten Rat oder einen aufmunternden Blick. Es gab organisatorische Unterstützung; wer beispielsweise Hartz-IV beantragen will, braucht eine Adresse, und wer auf der Straße lebt, der ist aufgeschmissen. Deshalb betrieben die Sozialarbeiter von der Treberhilfe Dresden auch den Kontaktladen, einen festen Punkt, über den junge Wohnungslose ihren Hartz-IV-Bezug organisieren konnten, an dem sie sich wuschen und zweimal im Monat ein warmes Essen bekamen. Tom* zum Beispiel konnte erst über Hartz-IV in ein Übergangswohnheim nach Striesen ziehen. Der attraktive 22-Jährige mit den strahlenden blauen Augen und der sportlichen Figur wohnt dort nun mit einem Zimmergenossen und 60 anderen Menschen im Heim, teilt mit ihnen Küche, Bad, Kippen und einige Erfahrungswerte.

Er selbst ist damals mit achtzehn Jahren aus Dresden weg. »Einfach weg«, sagt er und meint damit Abhauen im ursprünglichsten Sinne: Überleben unter Brücken und Parkanlagen, in Eingängen von Bankfilialen und Zimmern von Freunden in Berlin, Hamburg, Köln und Cuxhafen. Auf der Straße hat er das Schnorren gelernt und das Frieren. »Man gewöhnt sich an vieles«, sagt Armin*, der neben ihm sitzt, »aber nicht an die Ignoranz«. Auf dem Boden sitzen, vor einem ein leerer Kaffeebecher, und alle schauen weg und tun so, als ob man gar nicht da wäre. Das tut Armin noch immer weh. »Man könnte doch wenigstens grüßen, mit dem Kopf nicken oder sagen, dass man gerade selbst kein Geld dabei hat oder kämpfen muss«, findet er. Am schlimmsten sei es, wenn die Leute rufen »Geh arbeiten!« Denn wie soll man arbeiten, wenn man auf der Straße lebt? »Wer würde mir denn Arbeit geben?«, fragt Armin. Vom »Straßenköterblond« bis zum »Penner« haben wir unseren Ekel vor den auf der Straße lebenden durchdekliniert.

Doch eine Zäsur im Leben, der Verlust eines Menschen, einer Liebe, einer Arbeit, eines Kindes oder eines Traumes, eine missliche Lage: »Der Abstieg von bürgerlichen Schichten in die Wohnungslosigkeit
geht oft schneller, als man denkt«, sagt Wolfer.

Gerade jungen Menschen, die mit 18 Jahren eine Wohnung beim Jugendamt beantragen, stolpern oft über bürokratische Hürden. Eigentlich ist die Jugendhilfe verpflichtet, den jungen Menschen bis zum einundzwanzigsten Lebensjahr Leistungen und Hilfen zuzusichern, doch man muss sie, mit der Einwilligung der Eltern, vor dem 18. Lebensjahr beantragt haben. Vielen fällt das erst zu spät auf. Und andere Ämter halten sich dann für nicht zuständig. Soviel zum Thema »Kinder von der Straße holen«.

Nicht alle der jungen Menschen, die zur Treberhilfe kommen, haben ein Suchtproblem und eine kriminelle Karriere. Jugendliche entwickeln sich, suchen nach eigenen Wegen. Sich von den Eltern lösen kann mitunter radikale Züge haben, manchmal wollen Jugendliche einfach abhauen. Lange Zeit gab es beispielsweise Horden von 30 bis 60 Teenagern, die sich in den Sommerferien auf »Trebe« durch Deutschland gemacht haben, also ausgerissen sind, und den Bus als Cliquentreff nutzten. Das waren nicht nur Kinder aus den armen Randbezirken, sondern auch Kinder aus Wohlstandverwahrlosung, Abenteurer wie Wolfgang Herrndorfs Romanhelden Tschick, Maik und Isa, jugendliche Ausreißer, die etwas anderes von der Welt sehen wollten. Wolfer und seine Crew waren für die Jugendlichen in der Neustadt da und viele sind zurück in ein »normales
Leben« gegangen, haben Ausbildungs- und Arbeitsstelle gefunden.

Zum Teil auch wegen dem KluB, der Straßenschule auf der Königsbrücker. KLuB steht für »Kompetenzen, Leben und Bilden«. Junge Erwachsene, die bisher als unbeschulbar galten, haben hier eine zweite Chance auf einen Schulabschluss. Aber auch an dieser Stelle muss die Treberhilfe Dresden immer wieder um Mittel kämpfen; die »Aktion Mensch« hatte sich dieses Jahr von der Förderung verabschiedet, und im letzten Moment ist nun der Sozialausschuss mit 100.000 Euro fürs nächste Schuljahr eingesprungen. Aber ob das nochmal passiert, ist unklar. Denn weil die straßenpädagogische Begleitung keine richtige Schulform ist, fühlen sich die Gebieter über die Fördergelder für Jugend, Soziales und Schule jeweils nur bedingt zuständig.

Für den Kontaktladen und Jumbo-Bus sieht es bislang schlecht aus. »So ist das eben manchmal«, sagt Wolfer. Was nicht heißt, dass er aufgibt. Er schreibt sein Konzept gerade fürs Sozialamt um, hofft auf eine ämterübergreifende Lösung und faltet die Hände, wie zum Gebet.

*Namen auf Wunsch der Protagonisten geändert.

Autor: Charlotte Gneuß

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