Nahaufnahme – Ziemlich beste Freunde

»Ich nenne Ismail manchmal Mutti«, sagt Jessica* und lacht. Ismail* grinst und zerknautscht einen blauen Gummiball, zwei Jungs aus Afghanistan decken den Tisch und machen Sambosa für neun Leute. Jessica schneidet die Zwiebeln.

Es ist Abendessenszeit im Haus Kolombo. Hier wohnen 28 Jugendliche in der interkulturellen Wohngruppe zusammen. Die einen mussten ihre Eltern zurücklassen, als sie sich auf den mühseligen Weg nach Europa machten, die anderen können wegen Kindeswohlgefährdung, sexuellem Missbrauch, Drogen oder innerfamiliären Streitigkeiten nicht mehr bei ihren Eltern leben.

Vor gut einem Jahr war das Haus noch ein Hotel, die Rezeption im Erdgeschoss, die Nummerierungen der einzelnen Zimmer sind bis heute vorhanden. Die Diakonie übernahm das Gebäude und wurde im Netz erst mal von »der  Niedersedlitzer Wellenlänge« attackiert, einer anonymen Gruppe patriotischer Bürger, die sich »zum Erhalt des idyllischen, geschichtsträchtigen Niedersedlitz« zusammengetan haben. Auf Facebook verbreiteten sie Nachrichten, dass »kriminelle unbegleitete Ausländer« nun die ruhige Gegend zerstören würden. Es wurden Fotos von unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten gepostet und Eltern empörten sich, dass sie ihre Kinder im Sommer draußen nicht mehr spielen lassen könnten. Anwohnerin Dina schrieb: »Es bricht mir fast das Herz. Wenn ich mir überlege, wie idyllisch es da war. Was ist mit der Lebensqualität der Anwohner? Durch welche Fachkräfte werden diese Jugendlichen betreut? Haben die einen geregelten Tagesablauf, Deutschkurse? Haben diese Jugendlichen überhaupt irgendwelche Regeln, an die sie sich halten müssen?«

Sandro Junge, der Leiter der  Einrichtung, wollte solche Fragen gern beantworten. Er organisierte eine Willkommensrunde für die Nachbarn, aber es kamen nur wenige. Es wurden ein paar Fragen gestellt, aber Junge schien es eher, als ob man seine Argumente gar nicht hören wollte. »Es war, als wären sie nur gekommen, um ihre Thesen zu pflegen «, sagt er.

Einmal organisierte die Niedersedlitzer Wellenlänge einen Protest im Viertel, aber wie der aussah, das weiß Junge nicht. An diesem Tag organisierten sie nämlich im Kolombo einen großen Ausflugstag, um Konfrontationen aus dem Weg zu gehen.

Und doch gab es auch positive Reaktionen bei den Anwohnern. Zu Weihnachten verkleidete sich ein Nachbar als Weihnachtsmann und ein syrischer Junge fragte, warum er so komisch angezogen sei. Überhaupt werden im Haus Kolombo ziemlich viele Feste gefeiert: Weihnachten, Ramadan, Zuckerfest, Ostern und das Opferfest. »Das finden wir eigentlich gar nicht so schade«, meint Junge schmunzelnd.

Die Beschwerden der Anwohner sind seltener geworden, auf Facebook schreibt die Wellenlänge manchmal so was wie: »Jetzt reicht’s!!! Zusätzlich zur lauten arabischen Unterhaltung (5 junge Männer!) wurde sehr laute arabische Musik abgespielt, während man die Meusegaster Straße entlanglief! Man zeigt also auch hier schon, dass man keineswegs an einer Integration interessiert ist, sondern provoziert, wo es nur geht!«

Bei so was zuckt Junge mit den Schultern. Er sieht da eher ein Generationenproblem. Hier, am Rand von Niedersedlitz, lebt eben vor allem der Mittelstand, Monteure, Handwerker, Bäcker, Briefträger und Rentner. Da fallen 27 Jugendliche auf, wenn sie sich laut unterhalten und Musik hören. Trotzdem müssen die Betreuer die Jugendlichen warnen und ihnen sagen, dass sie sich ruhiger verhalten sollen.

Als das Vergewaltigungsverbrechen aus Freiburg oder das Berliner Attentat bekannt wurden, haben sie den Jugendlichen im Kolombo gesagt, dass sie sich nicht wundern sollen, wenn sie in der Bahn komisch angeschaut werden oder wenn man sie beschimpft. Junge versucht seinen Jugendlichen zu erklären, dass die Leute auf der Straße sie nicht von Salafisten und Selbstmordattentätern unterscheiden könnten.

Ismail und Jessica wissen genau, was Rassismus ist. Ismail geht in die elfte Klasse, ins Gymnasium. Obwohl er findet, dass sich an den Lerninhalten gar nicht so viel geändert hat (»Hier gibt es halt Ethik statt Religion und alles ist auf Deutsch«) und ihm das Lernen leichtfällt, geht er sehr ungern in die Schule. Und das nicht, weil er jetzt erst mal ein Jahr wiederholen muss. Nein, außer zwei Leuten wollen seine Klassenkameraden nichts mit ihm zu tun ha- ben: »Sie haben Vorurteile, weil ich Ausländer bin«, sagt er, fast so, als ob er sie entschuldigen würde. Jessica nickt verständnisvoll: »Ich war am Anfang auch rassistisch. Ich hatte mir das nicht so vorge- stellt, dass ich mit Ausländern zusammenleben muss und kannte Ausländer nur so vom Sehen, am Bahnhof und so. Aber jetzt gehören Ismail und sein Zwillingsbruder zu meinen besten Freunden.«

Jessica ist an einer Berufsfachschule und wird Einzelhändlerin bei ReWe. Sie hat nur wenige Jahre bei ihren leiblichen Eltern gelebt und möchte da- von auch nicht sprechen. In der Pflegefamilie ging es dann auch nicht lange gut, als Zwölfjährige fing sie mit dem Kiffen an, mit Ecstasy und Crystal. Es folgten verschiedene Heimaufenthalte und jetzt wohnt sie im Haus Kolombo und ist ganz stolz, dass sie clean ist. »Manchmal gibt’s zwar Ausrutscher«, sagt sie und streicht beiläufig über die Narben an der Innenseite ihrer Handgelenke. »Dann trinke ich zu viel und letztens musste mich Ismail am Bahn- hof abholen, weil ich nicht mehr laufen konnte.« Ismail und sie müssen kichern.

Ismail trinkt keinen Alkohol und er kann ziem- lich gut laufen. Er und sein Zwillingsbruder haben ganz Mazedonien zu Fuß durchquert, mehr möch- ten sie von ihrer Flucht nicht erzählen. »Manchmal rede ich mit meinem Bruder darüber«, sagt Ismail, leise. Der Bruder lacht dann, während Ismail weint.

»Aber du darfst nicht denken, dass er lacht, weil   er froh ist«, erklärt er mir. »Er lacht nur, weil er nicht mehr weinen kann. Nicht jeder kann seinen Schmerz einfach so zulassen.«

Während die beiden Brüder in Deutschland sind und eine Aufenthaltsgenehmigung haben, ist ihr Vater in Griechenland und kommt weder vor noch zurück. Die Mutter und die Schwestern sind noch in Damaskus und sollen auch nach Deutsch- land, aber niemand weiß genau, wie. Der vielbeschworene Elternnachzug sieht eigentlich vor, dass die sogenannte Kernfamilie nachgeholt werden kann. Aber seit dem Asylpaket II ist der Elternnachzug für subsidiär Schutzberechtigte für zwei Jahre ausgesetzt und in zwei Jahren sind Ismail und sein Bruder längst volljährig, dann haben sie ohnehin kein Recht mehr auf Familienzusammenführung. Das macht ihm alles große Sorgen.

Ich frage Ismail, wie er das handhabt. Er sagt, dass er ja jetzt sehr viel zu tun hat. Da sind die neue Sprache und die neue Schule und außerdem muss er sich um seinen Bruder kümmern, für ihn will er Mama und Onkel und Bruder sein. Ismail sagt, dass die Ablenkung ihm gut tut. Und jetzt müssen sie sich auch eine neue Wohnung suchen, denn bald werden die Brüder achtzehn und dann zahlt das Jugendamt nicht mehr. Dann sind die beiden auf Sozialgelder angewiesen, damit eine Wohnung zu finanzieren, ist ziemlich schwierig auf dem Dresdner Wohnungsmarkt. Das Schlimmste wäre, wenn sie in eine Massenunterkunft müssen. Eine weitere Möglichkeit ist, sich zu sechst eine Zwei-Zimmer-Woh- nung zu teilen, wie es schon andere Jugendliche gemacht haben, die vor ihnen aus dem Kolombo ausgezogen sind.

Sambosa, die afghanische Speise, ist jetzt fertig. Jessica verzieht das Gesicht, als sie das ganze Öl sieht. Sie hat nämlich mit Ismail und zwei Betreuern eine Abnehm-Wette am Laufen. Aber bisher ist nur sie erfolgreich gewesen und wiegt jetzt ganze fünf Kilo weniger, erzählt sie stolz. »Ismail ist dick und ich bin doof«, lacht sie.

Vor mir sitzen ganz normale Jugendliche, die ganz schön harte Sachen erlebt haben. Der Junge, der die Blätterteigtaschen aus dem Ofen zieht, ist Waise, seitdem seine Eltern von den Taliban erschossen wurden und das Mädchen, dass sich heute extra für den Fotografen geschminkt hat, war erst kürzlich monatelang in der Mädchenzuflucht.

Alle haben auf unterschiedliche Weise ihre Eltern oder deren Liebe verloren und müssen nun irgendwie alleine in der Welt klarkommen. Die einen wollen von Eltern überhaupt nichts mehr wissen, die anderen wollen es unbedingt und warten verzweifelt auf den blauen »WhatsApp«-Haken, der beweist, dass am anderen Ende überhaupt noch jemand in der Lage ist, Nachrichten zu lesen. Einige haben solche Hoffnungen längst nicht mehr. Während ich gehe, lehnt Jessica müde an Ismails Schulter, der Putztag wird diskutiert. Draußen gibt’s Schnee und Eis. Als ich im Zug bin, steigen mehrere Jungs ein, die in arabischer Sprache laut miteinander sprechen. Da steht eine ältere Frau auf und verlässt das Abteil.

*Ismail und Jessica heißen in Wirklichkeit anders. Ihre wirklichen Namen sind auf ihren Wunsch hin jedoch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Text: Charlotte Gneuß | Foto: Nils Eisfeld

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