Editorial – Wohin geht die Reise?

»Wie bist du denn unterwegs?« Ein Bekannter stellt mir diese Frage, nachdem ich mich für ein Pils, aber gegen den üblicherweise inkludierten Alkoholgehalt entschieden habe. Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen und nun in einer gemütlichen Kneipe verabredet, um endlich mal wieder über »Gott und die Welt« zu reden. Ich denke kurz darüber nach, ob er wirklich eine Antwort erwartet auf seine Frage, die sich mir selbst bisher nicht so recht gestellt hatte. Sein bohrender Blick lässt keinen Themenwechsel zu. Also erzähle ich ihm, dass ich gerade keine Lust auf Prozente habe, dass sich das Leben auch so ziemlich intensiv anfühlt und dass ich morgens frischer in den Tag starte, wenn Leber & Co. keine Zusatzschicht schieben mussten.

Szenenwechsel: Ein Spielplatz mit einem Karussell, das mit Muskelkraft in Schwung gebracht wird. Was war das immer für ein Spaß, als mein Bruder und ich uns gegenseitig schwindlig drehten. Jahrzehnte ist das her. Jetzt steht nicht mein Bruder neben mir, sondern mein zweijähriger Sohn. Er zieht mich unmissverständlich zum Dreh­ und Angelpunkt. Wir nehmen beide Platz, ein größeres Mädchen kümmert sich um den Karussellantrieb. Jauchzen und Lachen beim Zweijährigen, ein flaues Gefühl im Vatermagen. Als ich mit wackligen Beinen aussteige, denke ich: »Früher warst du aber ganz anders unterwegs.«

Unsere Leben sind ein unentwegtes Unterwegssein. Dem elterlichen Nest entschweben wir peu à peu über die Stationen Kindergarten und Schule, um unser Glück früher oder später an einem anderen Ort zu suchen. Lässt es dort auf sich warten, ziehen wir weiter. Wir finden die große Liebe und fahren ihr hinterher. Wir bekommen den ultimativen Job angeboten, wechseln dafür mitunter sogar das Land und werden zu »Berufsnomaden«. Zwischendurch bereisen wir pauschal oder individuell die große weite Welt, sind wie unsere Autorin Charlotte Gneuß heute in Kiew, morgen in Krakau und über­ morgen im Breisgau, mit Zwischenstopp in Dresden. Und wer ganz verrückt ist, beamt sich ins All. Irgendwann kehren wir dann vielleicht wieder zurück zu unseren geografischen Wurzeln. Manche bleiben ihnen auch ein Leben lang treu.

Unsere äußeren Bewegungsradien reichen von global bis minimal. Genau so verhält es sich mit dem inneren Unterwegs­ sein. Nur scheinen wir in dieser Sphäre mitunter etwas orientierungsloser angesichts der fehlenden Navigations­App. Dabei können die Erfahrungen auf der Reise zum Selbst überraschender und beeindruckender sein als ein Trip über Kontinente hinweg. Was dazu nötig ist? Sich einen ruhigen Ort seiner Wahl suchen, alle elektronischen Geräte ausschalten und hören, was die Stille zu sagen hat, etwa über unser ganz alltägliches Unterwegssein. Unter Umständen ginge es dann friedlicher zu auf unseren Straßen, Rad­ und Fußwegen. Bis­ weilen fühlen sie sich nämlich an wie Kriegsschauplätze, auf denen Ego­Kämpfe ausgetragen werden.

Stefan Bast

im Namen der Redaktion

 

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