Tagebuch

360 Gramm Biedenkopf

Unter Muttis MuFuTi

Kurt B.

Liebes Tagebuch,

findest du es nicht auch so herrlich wie ich, wenn sich in meinem schönen Sachsen wieder langsam die Vorweihnachtszeit ankündigt? Und alle sächsischen Schäfchen bald so schön ruhig und heimelig werden und mit sich selbst, Strietzelmarkt, Glühwein und Geschenken beschäftigt sind? So wie meine liebe Ingrid, die gestern Abend für mich auf ebay um Rabatte für Navigationsgeräte mit integriertem Benzinkanister gefeilscht hat. Ein bisschen trübte diese Vorfreude auf Entspanntheit zwar die Reaktion vom Nutzer «schlomo77», der wütend antwortete: «Wir sind doch hier nicht bei Ikea!» Da waren wir als «Königspaar» ein bisschen majestätsbeleidigt, haben uns aber nicht die weihnachtliche Vorfreude verderben lassen.

Beleidigt war aber gestern auch noch jemand anders. Denn just beim heimeligen Feilschen klingelte aufgeregt das Händie. Und wen kündigte es mal wieder an? Das Mädchen, das von allen Mutti genannt wird. Hihi, wenn die wüsste, dass ich sie unter «Madel» gespeichert habe… Schließlich war ich zwölf Jahre Landes-Vati, und Angela bisher nur elf Jahre Bundes-Mutti. Da muss sie noch ein bisschen mehr Aussitzfleisch beweisen, bis ich sie mit «Angie» im Telefon adele. Aber egal: Wenn die Jungfrauen im Land um Rat anklingeln, muss der König halt auch Freitagabend zur Stelle sein, nicht? Ich also ganz königlich «ran ans phon».

Und nach dem üblichen weinerlichen Gemeckere – diesmal über die Nobelpreis-Jury, die sie («ausgerechnet am Tag der Republik, schnief/zeter») mal wieder übergangen habe – kam Angie zum Punkt. «Kurt», sagte sie, «Kurt, ich brauche deinen Rat…» (Wer sagt’s denn…)

«Was ist bei euch in Dresden los? Die Leute rufen seit Monaten ‚Merkel muss weg!‘. Joachim ist darüber ganz schön sauer. Also meiner, der Gauck aber auch. Wenn das bundesweit noch länger die Runde macht, dann wird das auch im dritten Anlauf nix mehr mit dem Friedensnobelpreis für mich. Und du kennst dich doch mit solchen Sachen in Sachsen aus: Wie kann die Mutti das einfach unter den MuFuTi kehren?» Man konnte die zitternde Raute förmlich hören… (Wie kriegt sie das nur am Händie hin?)

Und nachdem mich Angie über den MUltiFUnktionsTIsch aufgeklärt hatte (sie ist so eine süße pragmatische Ossi-Maus), hatte ich endlich verstanden und konnte sie beruhigen: Ach, Angie. Die Leute meinen das bei uns nicht so. Die wollen nur demokratisch-innovativ spielen. Misslungene Willkommens-Feuerwerke vor Moscheen und das Gebrülle am Montag hin oder her. Also mach dir keine Sorgen. Wir in Sachsen sind nämlich immun gegen Rechtsexhibitionismus. Die Leute mögen dich, die mögen mich. Und spätestens zu Weihnachten ist wieder Ruhe. Du sagst doch auch immerzu, «Wir schaffen das!». Das ist die richtige Einstellung. Du musst nur ganz fest dran glauben. Wir haben doch nicht umsonst das C in unserem Hofstaat unserer Partei.

Dann war erstmal Ruhe im Mutti-Telekommunikations-Karton. Ich zwinkerte Ingrid mit einem Gewinnerlächeln zu, vernahm ein erleichtertes Mädchen-Kichern im Telefon und gab ihr den Rest: «Angie, pass‘ auf: Lass‘ dich nicht vom Sorbet-Stani und vom parteilos-Hilbert irritieren. Die sind nur so aufgeregt, weil sie es eben nicht schaffen. Also einfach ruhig bleiben, auf die Polizei vertrauen und auf Weihnachten warten – wenn alles vergeben und vergessen wird. Denn so geht sächsisch! «Geht so auch bündisch?», fragte das Mädchen am Telefon schüchtern. Na klar, entgegnete ich. Und wenn du denkst, es kommt ganz dicke, dann frag‘ einfach den Thomas. Der ist auch ein Sachse. Der hat’s raus und ihr seht euch doch öfters in Berlin. «Warum soll ich den de Maizière fragen?», hörte ich es noch im Händie knarzen. Dann brach die Leitung ab. Gut so, denn Teile dieser Antwort hätten sie vielleicht nur verunsichert…

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