Fokus – ABER gemütlich ist es schon

Vorhölle oder Gegenmodel zur Metropole – Provinz kann vieles sein. Dresden ist noch mal ein ganz besonderer Fall. Unser Autor, ein gebürtiger Westsachse, der vor 10 Jahren zum Studieren nach Dresden kam, trudelt zwischen Anziehungs- und Abstoßungskräften.

■ Autor: Eric Vogel

Ich kam vor zehn Jahren als gebürtiger Westsachse zum Studieren nach Dresden – und war sofort begeistert: Ich mochte den Singsang der Einheimischen, fand es von Anfang an putzig, wie die coolsten Typen sich schamlos mit „Tschüssi“ verabschiedeten und hatte das Gefühl, sehr schnell mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Während ich in Leipzig (von Berlin ganz zu schweigen) eher abwartend-kühlen Menschen begegnet war, vor denen man sich erst behaupten musste, um dazuzugehören, lief das in Dresden meist ungefähr so: „Was machst de so? Ah, dann kennst de bestimmt den-und-den. Und die ooch? Nichzufassen!“ Man kennt sich eben in Dresden, auch wenn man sich eigentlich (noch) nicht kennt. Ist das eine Form von Provinzialität?

Vor etwa 150 Jahren schrieb der Publizist Kaspar Friedrich Gottschalk in seinem Reiseführer „Dresden, seine Umgebungen und die sächsische Schweiz“:

Dresden ist keine schöne Stadt im Begriffe der neueren Architektur, besitzt aber alle Elemente, welche zur Förderung des geistigen und gemütlichen Lebens gehören. Als reizender Berührungspunkt des deutschen Südens und Nordens ist es zum Stapelplatz von Fremden aller Nationen […] erhoben. Wo vereinigen sich aber auch wohl Kunst und Natur zu einem so herrlichen Bunde wie hier!

Eine architektonisch uninteressante, aber (er)lebenswerte Stadt, die noch dazu von Fremden aller Nationen bevölkert ist – dieses Bild stellt die heutige Außenwahrnehmung gründlich auf den Kopf. Auch wenn gegen Kunst und Natur bis heute nichts zu sagen ist – bundesweit hat der Dresdner Ruf in den letzten zwei Jahren erheblichen Schaden genommen. Das gilt, so bestätigt die für die Außendarstellung der Stadt zuständige Dresden Marketing GmbH, insbesondere bei Studierenden, Forschern, Wissenschaftlern und Reisenden aus Deutschland. Die anhaltend stark besuchten Demonstrationen von Rechtspopulisten und eine ganze Reihe asylfeindlicher Gewalttaten und Brandanschläge in Dresden und Umgebung haben dazu geführt, dass ganz Sachsen mittlerweile sprichwörtlich für Engstirnigkeit, Rückwärtsgewandtheit und Angst vor allem Fremden, kurz: für die Provinz steht.

Solange Sachsen Monat für Monat mit neuen Hiobsbotschaf­ten in den Schlagzei­len auftaucht, ist der Weg vom Schaden zum Spott nicht weit. So witzelte im Oktober sogar »Die Welt«, dass in dem »failed State« nun nur noch UN-Blauhel­me das Schlimmste verhindern könnten. Anderer­seits haben durch die fragwürdigen Ereignisse viele Menschen, die sich vorher kaum mit Politik oder Migration beschäftigten, Stellung bezogen und sich auf die eine oder andere Art engagiert – bei De­monstrationen, als ehrenamtliche Helfer oder in interkulturellen Projekten.

Der Provinzialismus im Sinne einer dezent­ralen geopolitischen Struktur hat in Deutschland eine lange Geschichte. Während sich andere Län­der klar in Hauptstadt und Hinterland einteilen lassen, man in Frankreich etwa von der capitale und der province spricht, setzte sich Deutschland in früheren Jahr­hunderten aus einer ganzen Rei­he von kleinteili­gen und lokalen Ballungsgebieten und Zentren zusammen, die mitunter kooperier­ten, aber auch im stetigen Wettstreit miteinander standen. Dadurch entstand in ganz Deutschland eine beeindruckende Zahl mittelgroßer Städte, die als Sitz der jeweiligen Landesfürsten Prestige in Form von Kunstschätzen oder extravaganten Bau­projekten anhäuften – und damit eigene regionale Identitäten herausbildeten, die bis heute das Selbstbild ihrer Einwohner prägen. Was an dieser Stelle nicht vergessen werden darf: die Baumeister, Maler und Komponisten kamen aus ganz Europa

an die Höfe des Heiligen Römischen Reiches. Die deutsche Kulturtradition beruht also auf einer Vielzahl internationaler Einflüsse – für die Augusteische Zeit in Dresden gilt das im besonderem Maße. Im Zuge der Einigung Deutschlands unter preußischer Füh­rung geriet Dres­den im Deutschen Reich zunehmend in Randlage, ver­lor später seine Stellung als Fürs­tensitz und wur­de zur Provinz­hauptstadt. Diese Situation hat sich auch in der DDR nicht wesentlich verändert. Ob die verlorengegangene Bedeutung tatsächlich eine große Rolle spielt im Bewusstsein der Dresdner, ist schwer zu beweisen.

Provinzielle Werte wie Heimat und Tradition werden insbesondere in Krisenzeiten wiederent­deckt. Dieses Phänomen lässt sich mindestens bis in die Romantik zurückverfolgen. Vor etwa 200 Jahren reagierte eine Gruppe junger Autoren, Maler und Musiker auf die zunehmende Entfrem­dung in der sich industrialisierenden Gesellschaft, indem sie dieser ein naives, ursprüngliches und damit vertrautes Idyll entgegensetzen. Dort, am Sehnsuchtsort ihres Schaffens, war die Welt ein­fach und verständlich; die komplexen Zwänge des aufkommenden Kapitalismus wehrten die Protago­nisten ab. Die Romantiker zelebrierten eben nicht nur Volkskunst und Naturschönheit, sondern auch Müßiggang und Reiselust. Ein unstillbares Fernweh trieb sie zur Erkundung nicht nur der äußeren Welt, sondern auch der dunklen Aspekte des Selbst, der Schattenseiten des Daseins. Es ist dieses Spiel mit komplexen, zum Teil widersprüchlichen Tendenzen, geschickt und immer mit einem Hauch ironischer Distanz in der Schwebe gehalten, das die Werke von Tieck, Eichendorff und E.T.A. Hoffmann auszeich­net. Von ihren romantischen Idealen ist heute nur noch ein verkitschter, verwässerter und verdrehter Rest übrig geblieben. Das Grundprinzip ist damals wie heute bei bestimmten Bevölkerungsteilen das gleiche: Die Flucht in eine Phantasie-oder Ideal­welt angesichts einer bedrohlichen Realität. Das Ergebnis ist eine durch und durch engstirnige und exklusive Definition von Heimat.

Provinz hat aber auch noch eine andere Di­mension: aufgebrachte Patrioten, die vor der Sem­peroper Deutschlandfahnen schwingen, vor der Frauenkirche Bundespolitiker beschimpfen oder in Heidenau Jagd auf Geflüchtete machen. Sie er­klären die eigenen Sitten und Gebräuche zum Maß aller Dinge, sind allem Fremden und vielem Neuen gegenüber misstrauisch eingestellt und schrecken auch vor Gewalt und Selbstjustiz nicht zurück. Es ist wie im klassischen Westernfilm: Ein Fremder betritt die Stadt. Ärger ist vorprogrammiert. Freilich, innerhalb der eigenen Gruppe herrscht große Akzeptanz und Freundlichkeit – nur gilt das eben nicht gegenüber den »Anderen«. Man fühlt sich gekränkt und immer zu kurz gekommen, dazu die ständige Angst, dass die lokale Gemeinschaft von undurchsichtigen fremden Mächten bedroht wird. Das erinnert stark an die Märchen der Ro­mantiker – mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Triebkraft nicht Sehnsucht, sondern Hass heißt. Natürlich ist das nur die eine Seite der Me­daille. Zweifelsohne gibt es überall auch aufge­klärte, gebildete und reflektierte Menschen, die dem Ressentiment mit Engagement begegnen. Beeindruckend und beängstigend zugleich ist es dennoch, wie eine lautstarke Minderheit mit sym­bolträchtigen Aktionen das öffentliche Bild prägt. Gibt es da einen Zusammenhang mit der Schwie­rigkeit der politischen Führungsriege, klare Positi­onen zu beziehen? Während in anderen deutschen Städten die Zivilgesellschaft geschlossen mit Bür­germeistern und Stadträten an ihrer Spitze dem Hass der Populisten entschlossen entgegentrat und die Bewegung im Keim erstickte, wurde im Dresd­ner Rathaus und der sächsischen Staatsregierung geschwiegen, taktiert und abgewartet. Über die Gründe kann man nur spekulieren: Insgeheime Sympathie mit zumindest einem Teil der populisti­schen Botschaften? Angst vor Wählerverlust? Schie­re Trägheit? Immer wieder entsteht der Eindruck, dass man sich in den Ämtern und Behörden mehr um das geschädigte Image sorgt, als um das Prob­lem selbst.

Man darf, bei aller Kritik am geschlossenen Weltbild der Abendlandbewahrer allerdings nicht außer Acht lassen, dass provinzielle Strukturen auch auf dem anderen Ufer des Grabens zu finden sind. Gruppenbezogene Identifikationsprozesse mit dem Potential zur Ausgrenzung existieren genau so bei jenen, die sich als Verfechter der Offenheit sti­lisieren. Ein konstruktiver Dialog wird dadurch oft von beiden Seiten torpediert.

Mitunter haben die engen, »provinziellen« Strukturen aber auch ihr Gutes. Im Gegensatz zu den schnelllebigen Metropolen sind die Menschen hier weniger sprunghaft, lassen sich nicht auf je­den Trend ein und untersuchen neue Moden erst einmal auf Tauglichkeit. Dafür sind die Entwick­lungen letztlich, wenn sie für gut befunden und umgesetzt wurden, oft von dauerhafter Art. Diese Beständigkeit findet man auch in den zwischen­menschlichen Beziehungen. Dresden ist, insbeson­dere in der Kulturszene, ein großes Netzwerk, in dem viel auf persönlicher Ebene passiert. Bestes Beispiel ist das Dave-Festival, das seinen Ursprung in einer Welle aus Hilfsbereitschaft für das abge­brannte Fat Fanders in der Neustadt hat. Zwischen den helfenden Musikliebhabern und Clubs kam es bald zu Kooperatio­nen und gegenseiti­gem Austausch. Die Provinz könnte in diesem Sinne auch zum beinahe uto­pischen Gegenmodell der ent-fremdeten kapita­listischen Gesell­schaft werden: Ein Ort, an dem Geld nicht das Maß aller Dinge ist, an dem persönliche Beziehungen die Hauptrolle spielen und an dem Fremde nicht nach ihrer Herkunft oder Hautfarbe, sondern nach ihren Charaktereigenschaften beurteilt werden.

In meinen zehn Dresdner Jahren war ich viel in der Neustadt unterwegs, die zugegebenermaßen anders tickt als der Rest der Stadt. Trotzdem hatte ich von Anfang an den Eindruck: Die Dresdner sind ein freundliches, lustiges und vor allem neugieri­ges Völkchen. Nur werde ich inzwischen die Frage nicht los: Hätte ich dieselben Erfahrungen auch mit dunklerer Haut und einem fremdsprachigen Akzent gemacht?

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