Kiez-Kultur statt Eisbecher

Fernab der üblichen Dresdner Kulturhotspots bekommt ein zartes Pflänzchen erste Knospen – weil eine Handvoll Kulturschaffende und eine Quartiersmanagerin daran glauben, gibt es in Prohlis für mindestens zwei Jahre kostenlos »Kultur im Einkaufszentrum«.

■ Text: Susanne Magister | Fotos: Siegfried Michael Wagner

Am Anfang stand: das Vorurteil. Während ich beruflich gerne mal über die »Wirkmacht von Vorurteilen in polemischen Grafiken der Reformationszeit« nachdenke und mich bewusst und allzu gern im Elfenbeinturm aus 500 Jahre alten Kunst- und Zeitdokumenten vergrabe, fasse ich meine ganz realen, aktuell geplagten Ressentiments eher ungern an. Sind wir mal ehrlich: Es lügt, wer behauptet, ohne offen oder versteckt gehegte Vorurteile durchs Leben zu gehen. Sie sind essenzieller Teil unserer Kultur, unseres Miteinanders, unseres Selbst. Es ist eben die entscheiden- de Frage, wie wir mit ihnen umgehen. Ob wir bereit sind, sie zu hinterfragen, uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Aber manchmal soll sich das ja lohnen. Also, raus aus der Straßenbahn (Haltepunkt: Jakob-Winter-Platz) und rein ins echte Leben. Es ist Mittagszeit. Die Sonne scheint. Vor mir laufen gen Prohlis-Einkaufszentrum: eine adipöse Familie mit pinkfarbenem Kinderwagen, mehrere Rentner mit und ohne Rollatoren, ein Pärchen mit Yakuza-Klamotten, ein Grüppchen lautstark auf Arabisch lamentierender Halbstarker. Vorurteil bestätigt. Doch genau genommen bietet sich mir nur das ganz gewöhnliche urbane Bild einer modernen Zille-Szenerie. Auf dem sonnendurchfluteten Vorplatz sitzen einige Männer an den Außentischen vom Prohliser Sportcafé bei Bier und Bockwurst. Andere genehmigen sich ihr Mittagsschlückchen lieber direkt auf der Bank unter den Bäumen. Ein Springbrunnen plätschert vor sich hin. Die üblichen Ladenreklamen laden ins Innere der Passage.

Doch etwas passt nicht ins Klischeebild. Gleich die erste Ladenfläche auf der rechten Seite wirkt irgendwie anders. Ein großer Schriftzug auf orangefarbenem Grund fragt die Vorbeiflanierenden: WO IST ZU HAUSE? Die Frage richtet sich an die Prohliser. In den 1970er-Jahren erbaut, diente das Neubaugebiet bis zur Wendezeit als moder- ne Wohnstadt mit einer relativ dichten Fülle an kulturellen und sozialen Angeboten. Doch seit den 1990ern blutete das Wohnviertel langsam aus, einige Hochhäuser wurden abgerissen, viele Kultureinrichtungen gleich mit. Noch immer wohnen hier viele Alteingesessene neben den neu Zugezogenen, es gibt eine gute Infrastruktur, günstigen Wohnraum. Mittlerweile hält sich die Einwohnerzahl stabil bei 15.000. Aber kaum jemand hat sich bis jetzt die Mühe gemacht (oder hatte die Kapazitäten), mal nachzufragen, wie es sich hier eigentlich lebt, welches Verhältnis die Anwohner zu ihrem Stadtteil haben. Bis zu diesem Herbst.

Da hat sich das Quartiersmanagement Prohlis unter Federführung der Stadtplanerin Katrin Lindner gemein- sam mit dem Dresdner Societaetstheater aufgemacht und das Kunst- und Kulturprojekt »ZU HAUSE in Prohlis« angeschoben. Zentraler Anlaufpunkt soll bis auf weiteres besagtes Ladenlokal sein. Die ehemalige Eisdiele heißt jetzt KIEZ (Kultur im Einkaufszentrum) und soll Begegnungen aller Art ermöglichen.

Gerade schallen aus dem luftigen Laden rhythmische Tango-Klänge. Zwei Männer üben die dazugehörigen Schritte. Die flanierenden oder vorbeieilenden Passanten verlangsamen fast zwangsläufig ihr Tempo. Als Cristian Javier Castano mein interessiertes Verweilen entdeckt, lädt mich der Tangolehrer sofort ein, mitzutanzen. Ehe ich mich versehe, stehe ich in Tangopose im KIEZ und folge seinen Anweisungen: ein Schritt nach rechts, zwei nach hinten, Aaaaaaabschluss. Mein spontaner Tanzpartner ist der Freizeitjongleur Peter. Er ist extra für das Tangostündchen aus der Neustadt angereist.

Noch sind die Prohliser etwas verhalten, was das Tanzen angeht, erzählt mir Tangolehrer Cristian Javier. Aber das wird schon noch, meint er zuversichtlich. […]

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