Tellerrand – »Wir schauen einer Demokratie beim sterben zu und du willst dahin?«

In der Rubrik »Tellerrand« berichten wir normalerweise von Dingen, die es in Dresden nicht gibt, aber vielleicht geben sollte. Diesmal machen wir einen Ausflug in die Türkei. Dort geschehen Dinge, die nirgendwo geschehen sollten. Und die auch bei uns geschehen könnten, wenn wir nicht gut aufpassen.

■ Text: Charlotte Gneuß | Illustration: Katja Zadniček

Ankunft in einem faschistischen Land. Und trotzdem Palmen.

»Neofaschistisch«, korrigiert mich Kenan, der Begriffe sortiert, während er auf ein Lebenszeichen von seinem Freund hofft, der seit drei Monaten in Haft sitzt. Er heißt natürlich nicht Kenan, den Na­men habe ich geändert, darum hat er gebeten, drei­mal hat er mich darum gebeten, reine Vorsichtsmaß­nahme.

Jetzt sitzen wir am Pool, die Sonne brennt und die Gegend ist karg besiedelt, an den Hängen Disteln und gelbes Gestrüpp, im flachen Land Olivenhaine, ein paar Dörfer, dann die weite Bucht, Pool und Pal­men, Motorboote, dahinter das Meer bis zum Hori­zont. Ich denke mir das nicht aus, es sieht tatsächlich aus wie im Reisekatalog. Aber die Strandbars sind leer und unter dem Coca-Cola-Sonnenschirm liegt ein Eis-Verkäufer und starrt auf sein Smartphone. Es kommen immer weniger europäische Touristen in die Türkei, steht in den Zeitungen und weil es in den Zeitungen steht, kommen immer weniger europäi­sche Touristen in die Türkei. Die schlechte Presse ist nicht unbegründet.

Gleich am Flughafen in Izmir, noch vor der Pass­kontrolle, kam meiner Freundin Hannah irgendein Typ im weißen Polo entgegen und wollte ihren Pass sehen, ich habe das nicht verstanden, aber dann hat der Mann gesagt, dass er Polizist ist und ich habe mich daran erinnert, dass in autoritären Staaten die politische Polizei immer in zivil unterwegs ist. Sie hat ihm ihre Ausweispapiere gegeben und dann wollte er alle unsere Pässe haben und hat aus blauem Ab­sperrband ein Quadrat in der Flughafenwartehalle gebaut.

Wir sollten dort hineingehen – und wir sind dort hi­neingegangen, was blieb uns anderes übrig, er hat­te unsere Pässe. Ein kleiner Willkommensgruß auf Türkisch und schon hatte ich begriffen, wer hier das Sagen hat. Der Mann hat viel gelacht und gesagt, dass das hier eine Routineuntersuchung sei, völlig normal, dass sei in jedem Land so. Die Übersetze­rin erwiderte, dass ihr das noch nie passiert sei und dann wurde der Polizist im Polo ernst und sagte, dass sie sich nicht so aufregen soll und dass hier alles mit rechten Dingen zugeht. Danach hat er wieder gelä­chelt und gesagt, dass sie ihm gefiele und dann hat er gezwinkert und plötzlich habe ich verstanden, was das bedeutet, wenn alles mit rechten Dingen zugeht.

Ein paar von uns haben Fotos gemacht, weil es schon ein sehr absurdes Bild war, wie wir mitten im Flughafen in einem blauen Absperrband eingesperrt waren. Der Polizist erklärte uns, dass Fotos hier lei­der verboten seien und wir sollten die Bilder, die wir gerade gemacht hatten, von unseren Handys lö­schen. Wir haben das getan, aber er wollte das noch­mal kontrollieren, sicher ist sicher, reine Routineun­tersuchung und plötzlich hatte er unsere Telefone auf seinem Desk.

Er fragte uns, was wir in der Türkei wirklich wollen. Wir haben gesagt, dass wir einen Austausch machen mit Yeşil Sol Gençler, das ist die grüne Ju­gend der Türkei, die aus dem linken Flügel der HDP hervorgegangen ist. Und die HDP ist die zweitgrößte Oppositionspartei im Land, die seit der Verfassungs­änderung ziemlich machtlos im Parlament sitzt. Der Polizist wurde jetzt ganz neugierig und wollte wissen, warum wir uns denn mit Yeşil Sol Gençler treffen wollen. Wir sagten, dass wir uns mit Umweltthemen beschäftigen. Plastiktüten vom Strand räumen, Seife selber machen, über Kohleabbau diskutieren, solche Sachen. Das war nicht ganz gelogen, aber ganz wahr war es auch nicht. Der Polizist im Polo hat gestrahlt und gesagt, dass er das toll findet, wenn junge Men­schen sich aktiv für ihre Umwelt einsetzen und dann ist er sehr ernst geworden und hat telefoniert.

Drei Stunden später waren wir noch immer im blauen Band eingepfercht. Wir saßen mittlerweile und versuchten mit den ankommenden Touristen, die an uns vorbei Richtung Passportkontrolle mar­schierten, Blickkontakt aufzunehmen. Der Polizist war manchmal sehr ernst und manchmal sehr gu­ter Laune. Dann drehte er sich ab und zu weg, um zu telefonieren und wusste hinterher eine ganze Menge Dinge von uns, die wir ihm vorher gar nicht erzählt hatten. Zum Beispiel, wie un­sere Eltern heißen, wer wann schon mal in der Türkei war, was wir auf Facebook tun, solche Sachen. Reine Routi­neuntersuchung. Das macht man in allen Ländern so. Die Übersetzerin hat angefangen, mit der Hand den Rock glatt zu streichen. Irgendwie wollte keiner der vorübergehenden Touristen mit uns Blickkontakt aufnehmen.

Hannah und ich wurden nervös. Natürlich hat­ten wir der deutschen Botschaft mitgeteilt, dass wir hier sind. Aber wenn wir weg wären, dann könn­ten die genauso wenig tun wie bei den anderen 50 deutschen Staatsbürgern, die zu diesem Zeit­punkt in türkischen Haftanstalten auf den Beginn ihres Verfahrens hofften. Wir schauen einer De­mokratie beim Sterben zu und ausgerechnet da willst du hin, hatte meine Mutter vorwurfsvoll am Telefon gesagt. Und ich hatte erwidert, dass eine Demokratie nicht von alleine stirbt und das man genau jetzt hinfahren muss, um die Opposition zu unterstützen. Nun sind wir hier. Die Türkei ist kein Rechtsstaat mehr. Seit einem Jahr wird aller drei Mo­nate der Ausnahmezustand verlängert, den Kenan »das Recht zum Unrecht« nennt. Man kann als deut­scher Staatsbürger bis zu fünf Jahre in U-Haft sitzen, ohne dass eine Anklage vorliegen muss. Als ich so darüber nachdachte, hatte ich das Gefühl, ich soll­te doch öfter tun, was meine Mutter sagt. Nämlich nach Frankreich fahren, da gibt es auch Meer.

Dann hat der Typ im Polo uns plötzlich unsere Handys wiedergegeben. Hannah war auf Facebook eingeloggt, ob­wohl sie sich vor dem Flug ausgeloggt und sogar die App auf dem Handy deinstalliert hatte. So ein Zufall, sagte der Polizist im Polo. […]

 

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