Vorspiel – Hauptsache raus

360 GRAMM Vorspiel

Hauptsache raus

Autor: Manja Branß

Man sieht es auf den Elbwiesen, in den Parks, in den Biergärten: Dresden hat ein liebevolles Verhältnis zum Freiraum. Einmal konnte ich es sogar nachts in der Linie 8 erleben. Quietschend fuhr sie um die Kurven und man musste wie immer ein wenig dagegen halten, um mit dem Körper nicht zur Seite zu kippen.Es stiegen Typen ein, mit Bier in der Hand, lautstark in diesem Dresdner Singsang schwafelnd – eben die Art Mensch, bei deren Zustieg man die Musik in den Kopfhörer etwas aufdreht, eine Schublade im Kopf schließt und sich anderen Gedanken widmet.

Dann sprach ein anderer sie in unsicherem Deutsch an. In seinen dunklen Händen hielt er viel, in sperrigem Amtsdeutsch verfasstes Papier. Er fragte nach dem Sozialamt (oder so) und die Mitreisenden spitzten die Ohren. Ganz überraschend entspann sich ein hilfsbereites Gespräch. Worum es denn genau ginge, was er, der Ortsfremde denn genau bräuchte und so weiter und so fort. Eine lichte, warmherzige Situation, nachts in einer gelben Straßenbahn. Und als die knarzende Bahn auf die Augustusbrücke einbog, hielt der laute Ortskundige kurz inne. Er klopfte seinem neugewonnen Gesprächspartner auf die Schulter, machte eine ausladende Geste in Richtung Brühlsche Terrasse, nach draußen, und sagte voller Stolz: »Gugge ma, is das ni schön?« Der Andere stutzte, schaute, lächelte, nickte – und Einvernehmen einte die Bahn vom ersten bis zum letzten Platz.

So präsentiert der Dresdner eben seine Stadt: Er verweist nach draußen, dahin, wo sie am schönsten ist. Draußen vor der Tür, da, wo es barockt, da wirkt Dresden heimelig. Aber was ist, wenn man sich noch ein paar Schritte weiter von der Tür entfernt? Wird’s dann auf unbekanntem Terrain aufregender oder angsteinflößender? Und was passiert, wenn man sich auf einmal allein draußen wiederfindet, während die anderen drinnen lachen? Außerhalb von bekannten Strukturen, außerhalb von Gruppen, an die man sich so schön gewöhnt hat? Dann kann dieser unbekannte Freiraum sehr anstrengend sein – oder eine Herausforderung, die es anzunehmen gilt. Dresden jedenfalls, fühlt sich draußen – im wörtlichen Sinne meist, im übertragenen häufiger als man glauben mag – ganz wohl. Vor allem im Sommer. Denn wenn es warm ist, können die Dresdner ihr Elbflorenz herumzeigen. Sie verlegen ihre Kinos an den Fluss, damit sie gleichzeitig James Bond und die Frauenkirche anhimmeln können. Sie drücken sich an Straßenecken aneinander vorbei und fest aneinander heran. Sie werkeln in Gemeinschaftsgärten und Garagenhöfen, testen Wohnformen oder Währungen außerhalb gängiger Normen. Und manche freuen sich, wenn sie endlich draußen sind und glauben, es wäre für immer. Ist es aber nicht unbedingt.

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